Jahrmarkt in Soho. Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren. Im sündigen Stadtteil Londons besingt ein Moritatensänger die Straftaten des Gaunerkönigs Mackie Messer. Dieser berühmte „Haifisch-Song“ ist einer der vielen Erkennungsmelodien, die der Dreigroschenoper einen Evergreencharakter postulieren. Das „Stück mit Musik“ ist eine wilde Mischung aus Schauspiel, Oper und Operette, die die Genregrenzen sprengt und eine fast musicalähnliche Gestalt entstehen lässt. Die vom Jazz inspirierte und leicht konsumierbare Musik Kurt Weills steht im schärfsten Kontrast zu den zynischen Überzeichnungen der Liedtexte von Bertolt Brecht. Genau dies ist das Erfolgsrezept der Dreigroschenoper - die scheinbare Unvereinbarkeit der Stile ließ etwas Neues, Deftiges, Absurdes und durchaus Böses entstehen.
Die Uraufführung der Dreigroschenoper wurde vom Publikum frenetisch bejubelt. Es war ein fast schon popkulturelles Ereignis, denn die Songs mussten mehrmals wiederholt werden. Brechts sozialkritische Botschaft ging dabei ziemlich unter. Vielmehr betrachtete das Publikum das vielzitierte „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ als Freibrief zur Amoralität.