25.05.2026
Von Anna Schütz
Auf einer abgedunkelten Bühne kauert eine Figur, fast zu einem Ball verformt, regungslos. Bis die ersten Sonnenstrahlen eines neuen Tages (in Form eines gedämpften Spotlights) sie zum Leben erwecken. Unaufhaltbar intensiv performt Jin Lee als Solistin den Lebenszyklus eines Baumes und lädt das Publikum ein, über die eigene Natürlichkeit und (Natur)Verbundenheit nachzudenken.
Im vollgefüllten Saal am Haidplatz unterhalten sich die Zuschauer*innen lebhaft, der laue Sommerabend muss vor der Tür warten, aber seine Energie ist in der Laune der Leute spürbar. Leise wird es erst, als das Licht gelöscht wird und die Performerin die Bühne betritt. Mit NATURA erforscht das performance collective Zinaida (Jin Lee und Jihun Choi) einen Stoff, der bereits 2023 entwickelt wurde: die Verbindung zwischen Mensch und Pflanze und die Frage, wie sich ein Körper verändert, anpasst und widerständig wird, um unter verschiedenen Bedingungen zu überleben. Plötzlich beginnt ein melodischer, elektronischer Beat, und Jin regt sich. Es ist kein Strecken oder Räkeln, sondern ein fast zaghaftes erstes zucken der Finger: ein vorsichtiges Erwachen, sich mit sich selbst vertraut machen. Ihre Bewegungen haben dabei eine mechanische Qualität, formen sich unberechenbar und abstrakt und entwickeln sich zu ebenjenen spiralförmigen Drehungen, mithilfe derer sich junge Pflanzen aus der eigenen Hülle befreien. Sodann werden die Bewegungen größer, höher, bis zu einem ekstatischen Taumeln, das Licht wird dabei immer heller, bis es schließlich brennt, die Anstrengung ist sichtbar, Schweiß tropft dunkel auf die Bühne. Die Intensität der Bewegung steigert sich in ein fast schmerzhaftes Maß, die Anstrengung und Hingabe der Performerin wird physisch nachvollziehbar – bis plötzlich der erlösende Regen fällt. Die akustische Kulisse eines morgendlichen Regenwalds löst die elektronischen Beats ab, Bewegungen werden langsamer, geführter, pendeln sich ein zu einem stetigen, gesunden Wachsen. Doch sind dabei nicht weniger intensiv! Man spürt das Streben nach Leben. Das sich recken und sehnen nach Wachstum und Verwurzelung. Und dabei die Schwierigkeit, ebendas zu erreichen: Halt zu finden, anzukommen.
Bis schließlich die Nacht einbricht, wenn auch gemächlich, fast ungläubig. Bewegungen verlangsamen sich, in Phasen, und Kommen endgültig zum Halt. Ein letztes Drehen, eins-werden mit der imaginierten Umlegung, und dann– Applaus, Brava! Ganze fünf Verbeugungen verlangt das Publikum, bis die Solistin, sichtlich gerührt, abgeht. Knapp eine halbe Stunde lang war sie eins mit der Natur, keimte und wuchs und lebte und starb – und wir mit ihr.
Im Nachgespräch erzählt Jin von einer Topfpflanze, die in ihrer und Jihuns Berliner Wohnung mit Nordausrichtung nicht optimal platziert war – und wieder aller Erwartungen viele gesunde Blätter bildete, um möglichst viel Sonne zu speichern. Daran erkannten sie sich selbst wieder: als Menschen, die ihre Umgebung wechseln, neue Sprachen lernen, sich an neue kulturelle Kontexte und Erwartungen anpassen müssen. Der Tanz verhandelt damit auch Heimat. Beide kommen ursprünglich aus Seoul und leben inzwischen in München. Wirklich zugehörig fühlen sie sich weder hier noch dort; keine eindeutige Kategorie scheint mehr zu passen. Die Intention hinter der Perfomance beschreibt Jin so passend als „creating a body that doesn’t belong to anything / anywhere“. Auch das Stück selbst kreist um diese Fragen der Heimat, Zugehörigkeit und dem Verschwinden in einer Umgebung: „If I stand naked in nature and just keep turning – can I disappear into it?“ Fragt sie in einem Gedicht, das sie in der Entwicklungsphase des Stücks schrieb und das wir in der letzten Drehung der Perfomance erkennen können. Vor allem interessiert das Kollektiv, wie sich körperliche Reaktionen im Publikum erzeugen lassen, wie die Verbindung zwischen Performerin und Zuschauer*in geschlossen und gehalten werden kann. Dabei nimmt Jin die Energie des Publikums wahr, obwohl sie so vertieft in die eigene Bewegung ist, und lässt sich von ihr beeinflussen. Und dieses Zusammenspiel gibt ihr Kraft: „So many horrible things are happening but I still feel the power of humans, the love and positivity. You were a forest of people and I was part of it. It almost made me cry.“
Jin ist auf der Bühne gleichzeitig vollkommen da und doch woanders. Sie schaut uns an und scheint doch in dieser inneren Welt zu stehen, die sie vor sich sieht. Und ihre Überzeugung ist so groß, dass sie uns mitnimmt – vom Haidplatz hinein in den Wald.
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